Ausblick auf die globalen Finanzmärkte zweites Halbjahr 2012
13.06.2012
Eurokrise, Wachstumslokomotiven ohne Dampf und politisch getriebene Märkte dominieren das zweite Halbjahr
Die anhaltende Eurokrise lähmt zunehmend die gesamte Weltwirtschaft, einschliesslich der bisher treibenden Wachstumsmärkte. Darunter leidet vermehrt auch die Schweizer Konjunktur, zumal der Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken trotz Mindestkurs der SNB anhalten wird. Angesichts immer extremerer Anlageszenarien raten die Analysten von Julius Bär den Anlegern, sich auf kurzfristige Handelsstrategien zu konzentrieren, Zurückhaltung zu üben oder ausschliesslich auf Qualität zu setzen.Keine Rezession in der Schweiz, aber Konjunkturdelle unumgänglich
Die Fixierung des CHF-Mindestkurses gegenüber dem Euro brachte der Schweizer Exportwirtschaft die erhoffte und dringend benötigte Entlastung. Die Produktionskapazitäten blieben – auch dank hoher Investitionstätigkeit – stark ausgelastet. Langfristig kann sich die Schweiz jedoch dem weiter eintrübenden Konjunkturbild der Weltwirtschaft nicht entziehen: „Die Verschlechterung in der Eurozone, das mittelmässige Wachstum in den USA, aber auch die verhaltenen Aussichten für viele Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien, die für die Schweizer Exportwirtschaft wichtig sind, belasten die Wachstumsaussichten”, so Janwillem Acket, Chefökonom von Julius Bär. „Gleichzeitig bleibt der Schweizer Franken als sicherer Hort in unsicheren Zeiten stark gefragt. So positiv sich dieses Gütesiegel der Märkte auf die Stimmung im Inland, auf Beschäftigung und Konsum auswirkt, so wenig hilft es der Konkurrenzfähigkeit des Exportsektors”, so Acket weiter.
Die Eurozone – Schwachstelle der Weltwirtschaft und Gefahrenherd für die globale Konjunktur
Weite Teile der südlichen Eurozone haben sich im zweiten Quartal 2012 vollends von der Weltkonjunktur abgekoppelt und sind in eine tiefe Rezession gerutscht. Damit hat auch die institutionelle Krise Brüssels und die Vertrauenskrise des Euros eine neue Dimension erreicht: Von Problemkrediten überladene Banken suchen vergeblich Unterstützung bei gefährdeten, hoch verschuldeten Staaten und hoffen auf sofortige Hilfe durch Rettungsfonds oder direkt durch die EZB. Letzterer wird es gemäss den Analysten von Julius Bär zu danken sein, dass es selbst bei einem möglichen Austritt Griechenlands aus dem Euro nach den Neuwahlen vom 17. Juni 2012 nicht zu einem ‘Lehman’-ähnlichen Absturz an den Kapitalmärkten kommen wird. Dafür sorgt die unlimitierte Versorgung mit Notenbankgeld. Am milliardenschweren Berg von Abschreibungen der Banken ändert dies aber wenig, wie auch an der nur zögerlichen Kreditvergabe durch Banken im ganzen Euroraum. Dies wird auch an Deutschland als dem wirtschaftlich stärksten Land der Eurozone nicht spurlos vorübergehen und Wachstumsdynamik kosten. Mit dieser Zuspitzung der Eurokrise steigt in Europa der Zwang zu konsequenten, weitreichenden Schritten, die aber durchaus auch Chancen bergen: „Sollte es der europäischen Politik gelingen, die Staats- und Bankenverschuldung integral anzupacken und die Finanzmärkte mit guten, auch wachstumsorientierten Lösungen zu überzeugen, sehen wir durchaus Chancen, dass auch in der Eurozone wieder eine positive Konjunkturdynamik Fuss fassen kann”, meint Acket.
Schwellenländer setzen auf Wachstum im Inland – global bleibt die Gratwanderung heikel
Mit einem erwarteten globalen Wirtschaftswachstum von 3.3% für 2012 und sogar 4.0% für 2013 blicken die Bär-Analysten trotz Konjunkturabkühlung in Europa grundsätzlich optimistisch in die Zukunft. Allerdings versteckt sich hinter diesen Zahlen ein im Vergleich zu ihrer Vergangenheit unterdurchschnittliches Wachstum der bisherigen globalen Wirtschaftslokomotiven China, Indien oder Brasilien. Dafür mitverantwortlich ist die gesunkene Nachfrage aus den entwickelten Ländern. Als Ausweg wird deshalb vermehrt die Stimulation der Binnenwirtschaft angepeilt, zu Lasten der Preis-, aber auch der Währungsstabilität. So bleibt die Weltwirtschaft vorläufig auf einer heiklen Gratwanderung zwischen zwei Extremen: der Abkehr von der bisherigen quantitativen Lockerung zur Stützung des Finanzsektors einerseits und dem Vermeiden eines Konjunktureinbruchs verbunden mit Inflationsanstieg andererseits.
Politisch getriebene Märkte erfordern hohe Flexibilität
Die Anleger mussten sich in den letzten Jahren an immer extremere Szenarien für ihre Markteinschätzungen gewöhnen. So deuten die jüngsten Verwerfungen bei den europäischen Staatsanleihen darauf hin, dass sich einige Marktteilnehmer gezielt auf ein Auseinanderbrechen der Eurozone und einer daraus folgenden globalen Deflation einstellen. In letzter Zeit hat sich auch gezeigt, dass unter den aktuellen Marktbedingungen schnelle Gegenbewegungen möglich sind. Gerade die vergangenen Monate haben gelehrt, dass wirtschaftspolitische Entscheide schnell und grundlegend auf die Finanzmarktentwicklung wirken, im positiven wie im negativen Sinne.
Kurzfristig ergeben sich also immer wieder grosse Gelegenheiten zum Ein- und Ausstieg. Das Auf und Ab der Märkte gilt es deshalb aktiv anzugehen – oder abzuwarten: „Längerfristig orientierte Anleger sollten auf der Hut sein und Liquidität für jene Zeiten bereithalten, in denen politische Entscheide und globale Wachstumsaussichten wieder positiv überraschen werden”, meint Christian Gattiker, Chefstratege und Head Research von Julius Bär. Geduld, die Klärung der aktuellen politisch induzierten Risikosituation von der Seitenlinie aus zu verfolgen, dürfte sich in den kommenden Monaten auszahlen. Für all jene, die voll investiert bleiben möchten, bleibt Qualität das alleinige Hauptkriterium. Diese ist derzeit in global ausgerichteten, gut positionierten und finanzstarken Unternehmenswerten (über Aktien oder Unternehmensanleihen) oder auch in Staatsanleihen aus Schwellenländern zu finden. Angesichts des anhaltend tiefen Renditeniveaus lassen sich auch attraktive Anlagen im Bereich der hochverzinslichen Unternehmensanleihen (‘High Yield’) ausmachen, die den Anleger für das eingegangene Risiko mehr als kompensieren. Allerdings ist dabei die richtige Auswahl und breite Streuung der Einzelanlagen entscheidend.
Dokumente
Kontakte
Janwillem C. Acket
Chefökonom
Tel. +41 58 888 8100
Christian Gattiker-Ericsson
Chefstratege & Head Research
Tel. +41 58 886 2658
Media Relations
Tel. +41 58 888 8888

